Robert Musils Nachlaß zu Lebzeiten (1936), der fiktionale Texte ebenso wie Glossen und Essays umfasst, stellt eine der bedeutendsten Sammlungen von Kurzprosa im 20. Jahrhundert dar. Die geplante Tagung sieht eine genaue Re-Lektüre dieser poetologisch hochkomplexen Texte vor.
Da Musil die im Nachlaß zu Lebzeiten vereinigten Texte zwischen 1914 und 1931 bereits in Zeitungen und Zeitschriften – in manchen Fällen mehrfach – veröffentlicht hatte, wären die jeweiligen Publikationskontexte zu untersuchen sowie auch die Kriterien, an denen Musil sich bei der Auswahl der Texte und der Komposition des Bandes orientierte. Weitere Themen wären die Genese der einzelnen Texte sowie die Prinzipien, die der Überarbeitung der Texte zugrunde liegen.
Vergleiche mit der Kurzprosa zeitgenössischer Autorinnen und Autoren (beispielsweise G. Simmel, E. Lasker-Schüler, F. Blei, A. Polgar, E. E. Kisch, S. Kracauer, W. Benjamin, J. Roth, M. Lazar, B. Brecht, M. Fleißer sowie F. Kafka und R. Walser, deren Bücher Musil besprochen hatte) könnten unter verschiedenen Aspekten erfolgen. Dadurch ließen sich auch die Spezifika von Musils poetischen Verfahrensweisen herausarbeiten.
Musils Interessen decken ein weites Gebiet ab, das den Kunst- und Wissenschaftsbetrieb, Architektur, Sport, Mode, das Geschlechterverhältnis sowie kulturtheoretische Fragen umfasst. Er verarbeitet zeitgenössische Wissensbestände und leistet Transfers bzw. Übersetzungen zwischen unterschiedlichen Wissensbereichen. Dementsprechend sind die Texte des Nachlaß zu Lebzeiten auch politisch, sozioökonomisch, kulturell und wissensgeschichtlich zu kontextualisieren.
Aktuelle Forschungsfelder und -debatten wie etwa jene zu den Animal Studies, zur Intermedialität oder zum Begriff der Werkpolitik geben Anlass, den Nachlaß zu Lebzeiten in neuem Licht zu lesen und neue Forschungsfragen zu entwickeln. Auch fachdidaktische Fragestellungen bieten sich an, denn der Nachlaß zu Lebzeiten eignet sich wie kein anderes Buch Musils als erster Einstieg in dessen Werk.
Musil wandte sich mit der zunächst für Zeitungen und Zeitschriften verfassten und später im Nachlaß zu Lebzeiten versammelten Kurzprosa an ein breiteres Publikum, an einen – wie er schrieb – „unaufmerksamen, ungleichen, dämmerig-großen Leserkreis“ (GW II, S. 474). Es ist verschiedentlich behauptet werden, dass er, um den Lesegewohnheiten dieses Publikums zu entsprechen, seinen satirischen und ironischen Stil, die gleitenden Übergänge von Erzählung und Essay entwickelt hat. Diese Kurzprosa bilde also eine „Stilwerkstatt“ (Thomas Hake), die es Musil erst ermöglichte habe, den Mann ohne Eigenschaften zu verfassen. Die vielfältigen Bezüge des Nachlaß zu Lebzeiten zum Mann ohne Eigenschaften können in dieser Tagung herausgearbeitet werden; diese liegen auf thematischer, motivischer, stilistischer, metaphorischer Ebene und betreffen auch die Verschränkung von Narrativem, Bildhaftem und Reflexivem sowie die Adaption wissenschaftlicher Begriffe und Modelle. Gleichwohl ist auch zu fragen, in welchen Fällen es angemessener wäre, diese vielschichtigen Texte nicht nur in ihrer Funktion für den Mann ohne Eigenschaften und als Etappen auf dem Weg zu ihm, sondern auch in ihrer Eigenart und Besonderheit zu begreifen.
Konzept: Norbert Christian Wolf
Organisation: Thomas Hübel
Zeit: Donnerstag, 27. Februar, bis Samstag, 1. März 2025
Ort: Schreyvogelsaal, Michaelertrakt der Wiener Hofburg, 1010 Wien
Donnerstag, 27. Februar 2025
14.00-14.15:
Norbert Christian Wolf (Universität Wien):
Begrüßung und Einführung
14.15-15.15:
Patrizia McBride (Cornell University):
Musils Nachlaß zu Lebzeiten als Kommentar zum Literaturbetrieb und die Poetik des Feuilletons
15.15-16.15:
Birgit Nübel (Universität Hannover):
»Musil, in kleinen Dosen«: Betrachtung, Geschichten und »Bilder«
Kaffeepause
16.45-17.45:
Birthe Hoffmann (Universität Kopenhagen):
Kippphänomene im Nachlaß zu Lebzeiten und bei Franz Kafka
17.45-18.45:
Moritz Baßler (Universität Münster):
»In der glashellen Einsamkeit«
Musils Nachlaß zu Lebzeiten und die Kurzprosa der emphatischen Moderne
Freitag, 28. Februar 2025
9.00-10.00:
Gunther Martens (Universität Gent):
»Die Affeninsel«: Der etwas andere Menschenzoo bei Robert Musil, Kurt Tucholsky und Else Lasker-Schüler
10.00-11.00:
Barbara Neymeyr (Universität Klagenfurt):
Archaische Moderne. Zur narrativen Psychologie der Entgrenzung in Musils »Hasenkatastrophe«
Kaffeepause
11.30-12.30:
Heinz Drügh (Universität Frankfurt am Main):
Nachlass in Bewegung. Überlegungen zum »Fliegenpapier« in movens (1960)
Mittagspause
14.00-16.00:
Hans-Georg von Arburg (Universität Lausanne),
Carole Maigné (Universität Lausanne):
»Hier ist es schön« / »L’endroit est magnifique«
Kaffeepause
16.30-17.30:
Artur R. Boelderl (Universität Klagenfurt):
Trouble in the Forest: »Wer hat dich, du schöner Wald …?« zwischen Zeitungsdruck, Mann ohne
Eigenschaften und Nachlaß zu Lebzeiten
17.30-18.30:
Gernot Waldner (Universität Wien):
Mit dem Rahmen ins Haus fallen. Die Stellung der Sprachglosse »Türen und Tore« in Musils
Werk und im zeitgenössischen Diskurs
Kaffeepause
19.00-20.00:
Carolin Duttlinger (Universität Oxford):
Von der Psychotechnik zur Autosuggestion: Aufmerksamkeitstechniken im Nachlaß zu Lebzeiten
Samstag, 1. März 2025
9.30-10.30:
Tanja Kevic (Universität Zürich):
»Konstituierende Auflösung einer Versammlung«
Der Nachlaß zu Lebzeiten als Ensemble
Kaffeepause
10.45-11.45:
Franziska Mader (Universität Klagenfurt):
Die Druckszene: »Sarkophagdeckel« und »Fischer an der Ostsee«
11.45-12.45:
Bernhard Metz (ETH Zürich/Università della Svizzera italiana):
»mein[ ] Zufalls- u Interimsverleger Dr. Menzel«. Das verlegerische Umfeld von Robert Musils
Nachlaß zu Lebzeiten im Humanitas-Verlag und die buchästhetische Gestaltung dieser Publikation
Eine Kooperation der Internationalen Robert Musil-Gesellschaft, des Instituts für Germanistik und des Vereins für Neugermanistik
Mit freundlicher Unterstützung der IRMG und der Stadt Wien Kultur
