Internationale Robert Musil Gesellschaft

„Statt der Konstitution Europas in rivalisierenden Bestialstaaten muß eine Form der Vereinigung der in sich geeinten Völker untereinander gefunden werden, überstaatlich und möglichst unstaatlich.“

Robert Musil 1921

In memoriam: Silvia Bonacchi (1966-2026)

Kürzlich erreichte uns die traurige Nachricht vom Ableben Silvia Bonacchis. Bonacchi, die wesentliche Arbeiten zu Robert Musil vorgelegt hat, wurde 1966 in Prato geboren. Sie studierte 1985 bis 1990 an der Universität Florenz Germanistik und Philosophie. Danach lehrte und forschte sie an der Arbeitsstelle für österreichische Literatur und Kultur an der Universität des Saarlandes. An der Universität Pavia wurde sie 1999 mit einer Arbeit zu Musils Rezeption der Gestaltpsychologie promoviert. Von 2006 bis 2011 arbeitete sie als Lektorin an der Universität Warschau, an der sie ab 2014 eine Professur für Germanistik und interkulturelle Kommunikation bekleidete.

Für die Rezeption Robert Musils in Italien leistete sie mit dem Band Il letterato e la letteratura (Milano: Guerrini e Associati 1994) einen wichtigen Beitrag. Darin übersetzte sie die beiden Essays Literat und Literatur sowie Franz Blei – 60 Jahre, die 1931 im Erscheinungsjahr des Mann ohne Eigenschaften erschienen sind, ins Italienische, kommentierte sie und verfasste auch ein Nachwort. Der Aufsatz Was man alles in einem Aufsatz nicht liest: Die Textentwicklung des Aufsatzes >Literat und Literatur< – von der Laudatio zur poetologischen Schrift (in: M.-L- Roth: Neue Ansätze zur Robert-Musil-Forschung. Peter Lang 1999) fasst wesentliche Ergebnisse auf Deutsch zusammen.

1999 folgte die Dissertation mit dem Titel Die Gestalt der Dichtung: der Einfluss der Gestalttheorie auf das Werk Robert Musils, erscheinen als Band 4 der von Marie-Louise Roth herausgegebenen Musiliana. Darin untersucht Bonacchi Musils Berliner Studienjahre bei Carl Stumpf, aus dessen Schule die bedeutendsten Gestaltpsychologen hervorgehen sollten (Wolfgang Köhler, Kurt Koffka, Kurt Lewin) wie auch Musils Rezeption der Gestalttheorie in den zwanziger Jahren, die sich in ganz unterschiedlichen Bereichen niederschlägt, wie etwa in der Rezension eines kunstwissenschaftlichen Buches seines Freundes Johannes von Allesch oder in seinem Vortrag über die Anwendung der Psychotechnik im Bundesheer. Im dritten und letzten Großkapitel ihrer Arbeit widmet sie sich der Gestalttheorie als Modell für eine Affekt- und Handlungstheorie. Neben der Dissertation, zweifellos einem Standardwerk der Musil-Forschung, legte Bonacchi auch weitere Publikationen vor, etwa zu Musils Vereinigungen, zu seiner Dissertation über Mach oder zu Musils Verhältnis zu Franz Blei.

Als Professorin an der Universität Warschau wandte Bonacchi sich der Linguistik zu und publizierte fortan vor allem zu sprachlichen Formen der Höflichkeit wie auch der Aggression oder zur Vulnerabilität aus linguistischer Perspektive.

Silvia Bonacchi, die zwar seit 2000 nicht mehr zu Musil publiziert hat, deren Arbeiten aber auch weiterhin wichtige Grundlagenwerke für die Musilforschung bilden, ist vor Kurzem im Alter von 60 Jahren verstorben.