Internationale Robert Musil Gesellschaft

„Worte springen wie die Affen von Baum zu Baum, aber in dem dunklen Bereich, wo man wurzelt, entbehrt man ihrer freundlichen Vermittlung.“

Robert Musil 1930

In memoriam Karl Corino (1942-2026)

Uns erreichte die traurige Nachricht, dass Karl Corino am 8. September 2026 im 84. Lebensjahr verstorben ist. Corino, Ehrenmitglied der Internationalen Robert-Musil-Gesellschaft, hat durch seine jahrzehntelange Forschung zu Robert Musil neue Quellen erschlossen und damit Grundlagen sowohl für Analyse und Interpretation von Musils Werken als auch für deren Edition geschaffen. Seine zahlreichen Publikationen gaben nicht nur der Literaturwissenschaft wesentliche Impulse, sondern strahlten auch auf eine breitere, literarisch interessierte Öffentlichkeit aus.

Corino entstammt einer Familie von Landwirten. Schon auf dem Gymnasium im fränkischen Dinkelsbühl lernte er Texte Robert Musils kennen und war von ihnen beeindruckt. Er begann das Studium der Germanistik, Altphilologie und Philosophie zunächst in Erlangen, dann wechselte er an die Universität Tübingen, wo er sich entschied, bei dem Hölderlin-Herausgeber und Editionsphilologen Friedrich Beißner eine Dissertation über Musil zu schreiben. Im Zuge dieser Arbeit ergaben sich Fragen, die sich in Tübingen nicht klären ließen, und es erwies sich als notwendig, den umfangreichen Nachlass zu konsultieren, der sich damals noch in Rom bei Gaetano Marcovaldi befand. Daher nahmen Corino und seine Mitdoktorandin und spätere Frau Elisabeth Albertsen Kontakt mit Ernst Kaiser und Eithne Wilkins auf. Diese luden sie ein, nach Rom zu kommen, um Musils Nachlass zu katalogisieren und für eine Mikroverfilmung vorzubereiten. So konnten, durch Stipendien unterstützt, Corino und Albertsen eineinhalb Jahre in Rom verbringen (1966/67). Zurück in Tübingen wurde Corino 1969 mit der umfangreichen Arbeit „Robert Musils Vereinigungen. Studien zu einer historisch-kritischen Ausgabe“ promoviert, die 1974 bei Wilhelm Fink erschien.

1970 nahm Corino in der Literaturabteilung des Hessischen Rundfunks eine Redakteursstelle an und übersiedelte dafür von Tübingen nach Frankfurt am Main, von wo er nach seiner Pensionierung 2002 wieder nach Tübingen zurückkehren sollte. In Frankfurt setzte er seine 1966 in Rom begonnenen Studien zur Biografie Musils fort. Die Grundprinzipien seiner Forschung skizzierte Corino 2014 in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats der Universität Klagenfurt, die im „Musil-Forum“ (Bd. 34, 2014/15) abgedruckt ist: Er war stets bemüht, Texte Musils, ob fiktional oder faktual, auf ihr biografisches Substrat hin zu untersuchen; er machte es sich – wie er in seiner Dankesrede sagte – „zur Regel, alle Aussagen der Musil’schen Texte zunächst einmal wörtlich zu nehmen und sie durch Recherche, jenseits intuitiver Gewissheit, entweder zu erhärten oder zu widerlegen.“ Wenn man im 18. Kapitel des „Mann ohne Eigenschaften“ erfährt, dass Ulrich über Moosbrugger zunächst „bloß in der Zeitung gelesen hatte“, so diente dies Corino als Ausgangspunkt seiner Recherchen in Wiener Tageszeitungen (damals noch ohne die Möglichkeit einer Volltextsuche in Digitalisaten). Auf diese Weise entdeckte er den Fall des Prostituiertenmörders Christian Voigt, der die Wiener Presse im Herbst des Jahres 1910 beschäftigte und den Musil zum Vorbild für seine Gestaltung der Figur Moosbrugger nahm. Wie diese Recherche im Detail erfolgte, schildert Corino 2004 in einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk (vgl. Mediathek dieser Website).

Erstes Ergebnis von Corinos jahrzehntelanger Forschungsarbeit zur Biografie Musils ist der umfangreiche 1988 bei Rowohlt erschienene Bildband. Es folgte – ein Jahr nach Corinos Pensionierung – die 2000 Seiten umfassende Biografie (Rowohlt Verlag, 2003). Eine besondere Schwierigkeit ergab sich für den Biografen daraus, dass durch die Flucht Musils und seiner Frau aus Wien im Jahr 1938 wichtige Quellen – etwa große Teile der Sammlung von Zeitungsauschnitten – unwiederbringlich verlorengegangen sind. Erstaunlich bleibt aber, was Corino trotz dieser Verluste durch akribische Arbeit rekonstruieren konnte. Auf der Basis dieser Recherche gibt Corino auch Hinweise dazu, wie Musils literarische Texte zu analysieren und zu interpretieren sind. Die Biografie lässt sich also auch als Werkbiografie lesen. Klaus Amann hat in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde (abgedruckt im „Musil-Forum“, Bd. 34, 2014/15) zu Recht darauf aufmerksam gemacht, dass Corino in den einzelnen Kapiteln seiner Biografie Musil in jeweils einer anderen Rolle zeigt: als Liebhaber, Student, Redakteur, Offizier und Funktionär eines Schriftstellerverbandes, um nur einige dieser Rollen zu nennen. Corino unternimmt dabei bewusst nicht den Versuch, diese Komplexität auf ein einheitliches Charakterbild zu reduzieren. Amann weist ebenso darauf hin, dass jene Personen, die in Musils Leben oder für sein literarisches Werk wichtig waren, stets in einer Vielzahl von Kontexten geschildert werden – bestimmt durch die familiären, sozialen, ökonomischen, politischen und kulturellen Verhältnisse, in denen sie lebten. Wirft man am Ende dieser Biografie einen Blick auf die Quellen, die Corino im Laufe von mehr als drei Jahrzehnten erschlossen hat, wird einem der gewaltige Umfang von Corinos Recherchetätigkeit in unterschiedlichsten Institutionen und in der Korrespondenz mit einer Vielzahl von Personen deutlich.

2010 erschien im Schweizer Nimbus-Verlag ein weiteres Buch Corinos, das Erinnerungen von Zeitzeugen an Musil zusammenträgt. Abgedruckt sind kurze Texte von Alfred Kerr, Franz Theodor Csokor, René Spitz, Milan Dubrovic, Elias Canetti, Ernst Schönwiese und vielen anderen, die unterschiedliche Aspekte von Musils Leben und Werk beleuchten.

Damit waren Corinos Recherchen immer noch nicht abgeschlossen. Einige noch bestehende Lücken konnte er 2022 mit dem nahezu 800 Seiten umfassenden Band „Von der Seele träumen dürfen“ auffüllen. Abgedruckt sind hier vierzig Aufsätze und Essays, die seit Erscheinen der großen Biografie – abgesehen von wenigen Ausnahmen – in Zeitungen und Fachzeitschriften abgedruckt worden sind. Dieses letzte Buch Corinos zu Musil gibt u. a. Einblick in Musils Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse, kommentiert die von Corino entdeckte Entlassungsurkunde Musils aus der k. k. Landwehr, präsentiert bisher unbekannte Fotos, die Musil als Offizier im Ersten Weltkrieg zeigen, und rekonstruiert Musils Verhältnis zur Tschechoslowakei, das nicht zuletzt wegen Musils Mitarbeit bei der „Prager Presse“ von Bedeutung ist.

Das Allermeiste, was wir heute über Musils Leben und über mögliche Vorbilder seiner literarischen Figuren wissen, ist Corino zu verdanken. Ohne seine Grundlagenarbeit wäre auch der Kommentar der digitalen „Klagenfurter Ausgabe“, deren Mitherausgeber er neben Klaus Amann und Walter Fanta war, nicht in dieser Genauigkeit und Detailliertheit möglich gewesen. Erstaunlich ist, dass Corino all die Arbeiten zu Musil nicht im Rahmen eines Dienstverhältnisses, sondern neben seiner Anstellung beim Hessischen Rundfunk geleistet hat.

Als Moderator des Magazins „Transit. Kultur in der DDR“ machte er viele DDR-Autoren in der BRD bekannt, wobei er sich vor allem für regimekritische DDR-Schriftsteller wie Reiner Kunze und Sarah Kirsch einsetzte. Für manche von ihnen konnte er auch Kontakte zu Verlagen im Westen vermitteln. Bei seinen zahlreichen Reisen in die DDR stand er stets unter Beobachtung der Staatssicherheit. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich durch die Förderung des Schriftstellers Wolfgang Hilbig. Wie er den damals völlig unbekannten Hilbig entdeckte, kann man in dem schönen Beitrag „Die Epiphanie des Schönen in Meuselwitz“ nachlesen, erschienen in Michael Buselmeiers „Erinnerungen an Wolfgang Hilbig“ (Heidelberg 2008). Corinos Korrespondenz mit zahlreichen DDR-Schriftstellern, die eine Quellensammlung von zeithistorischem Wert darstellt, wurde als Vorlass bereits vom Literaturarchiv Marbach erworben.

Dass Corino auch gerne energisch und polemisch in kulturpolitische Debatten eingreifen, ja sie initiieren konnte, lässt sich besonders an zwei Publikationen erkennen. 1995 erschien „Die Akte Kant. IM ›Martin‹, die Stasi und die Literatur in Ost und West“, worin er sich mit den Stasi-Verbindungen von Hermann Kant auseinandersetzte. Mit dem Buch „Außen Marmor, innen Gips“ (1996) über Stephan Hermlin, dem er eine geschönte Darstellung seiner Biografie vorwarf, löste er eine veritable Literaturdebatte aus.

In den Jahren, in denen er beim Hessischen Rundfunk arbeitete, zuerst als Redakteur, später als deren Leiter, gab Corino auch etliche Sammelbände heraus: „Intellektuelle im Bann des Nationalsozialismus“ (1980), „Autoren im Exil“ (1981), „Genie und Geld. Vom Auskommen deutscher Schriftsteller“ (1987) sowie „Gefälscht! Betrug in Literatur, Kunst, Musik, Wissenschaft und Politik“ (1988). Schon die Titel dieser Bücher deuten darauf hin, dass Corinos besonderes Interesse immer den materiellen Grundlagen und den politischen Kontexten des literarischen Schaffens galt.

Einer breiteren Öffentlichkeit war er auch als Juror beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb bekannt. Von den zahlreichen Ehrungen, die er erhalten hat, sei nur das Bundesverdienstkreuz am Bande (2003) erwähnt. Corino befasste sich aber nicht nur intensiv mit zeitgenösscher Literatur, er trat auch selbst als Lyriker hervor. Im Band „Tieffluggebiet“ (2019), der in seiner heimatlichen fränkischen Mundart verfasst ist, finden sich die Zeilen „Er wär woll a ganz guater Bauer gworra.“ Es ist ein großer Glücksfall, dass Corino stattdessen zum weltweit angesehensten Musil-Forscher geworden ist.

Thomas Hübel

Foto: Karl Corino (1989), aufgenommen von Eva Corino, Lizenz: CC BY-SA 2.0