Internationale Robert Musil Gesellschaft

„[…] in jedem Beruf, wenn man ihn nicht für Geld, sondern um der Liebe willen ausübt, kommt ein Augenblick, wo die ansteigenden Jahre ins Nichts zu führen scheinen.“

Robert Musil 1930

In memoriam: Murray G. Hall (1947-2023)

Murray G. Hall wurde am 25. Mai 1947 in Winnipeg (Kanada) geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik an der Queen’s University in Kingston (Ontario) und an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Dank eines Stipendiums des österreichischen Außenministeriums kam er im Studienjahr 1971/72 nach Wien. Nach dem Abschluss seines Germanistikstudiums (M.A. an der Queen’s University) begann er in Wien ein Doktoratsstudium. 1975 dissertierte er zum Thema Tier und Tiermotivik im Prosawerk Robert Musils.

Die siebziger Jahre waren für Hall vor allem geprägt durch eine intensive Beschäftigung mit Robert Musil, auf wissenschaftlicher, editorischer und organisatorischer Ebene. Hall unterstützte Adolf Frisé bei der Edition der Gesammelten Werke, der Briefe und der Tagebücher. Frisé schreibt dazu im Nachwort der Gesammelten Werke: „Unermüdlich hilfsbereit wieder Murray G. Hall: mit mannigfaltigen Recherchen zu Musils Wiener Arbeitssituation, zum Anlaß und Hintergrund mancher kritischen Notiz, auch bei der Gegenkontrolle schwieriger Lesarten, und auch mit erst von ihm, hartnäckig, methodisch, aufgespürten, noch unentdeckt gebliebenen Texten.“ Hall war lange Jahre Mitglied des Vorstands der Internationalen Robert Musil-Gesellschaft und Mitglied der Redaktion des Musil-Forums (von Beginn an bis zum Jahr 1996). In dieser Zeit veröffentlichte er viele Aufsätze, großteils im Musil-Forum, die neu entdeckte Rezensionen und Briefe Musils vorstellten und kommentierten – Funde, die in die Editionen der Briefausgabe und der Gesammelten Werke (1978) eingehen sollten. 1974 organisierte Hall gemeinsam mit Karl Dinklage eine Ausstellung zu Robert Musil in der Österreichischen Nationalbibliothek.

Daneben verfasste Hall auch das wichtige Buch Der Fall Bettauer (1978), die erste Buchpublikation Halls, auf die zahlreiche weitere folgen sollten. Um 1980 begann Hall an einer Geschichte der belletristischen Verlage in der Zwischenkriegszeit zu arbeiten. Die beiden 1985 bei Böhlau erschienenen Bände Österreichische Verlagsgeschichte 1918-1938 sind zu einem – heute auch online zugänglichen – Standardwerk geworden.

Die zweite Hälfte der achtziger Jahre war einem nicht weniger wichtigen Forschungsprojekt gewidmet, einer Dokumentation der Nachlässe österreichischer Autoren im Privatbesitz und in öffentlichen Institutionen im Ausland. Daraus entstand schließlich das 1992 im Böhlau Verlag erschienene und gemeinsam mit Gerhard Renner herausgegebene Handbuch der Nachlässe und Sammlungen österreichischer Autoren. Diese Pionierarbeit trug mit dazu bei, dass das Österreichische Literaturarchiv (heute Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek) 1996 gegründet wurde.

1987 erfolgte die Habilitation am Institut für Germanistik der Universität Wien; in den Folgejahren hielt Hall Seminare u.a. zur Buch- und Verlagsgeschichte ab (einen Überblick – versehen mit langen, außerordentlich informativen einführenden Texten zu den jeweiligen Seminarthemen – bietet die persönliche Website Halls).

Um die Buchforschung stärker zu etablieren, gründete Hall gemeinsam mit Peter R. Frank die Gesellschaft für Buchforschung in Österreich. Seit dem Jahr 2000 erscheint die Reihe Buchforschung. Beiträge zum Buchwesen in Österreich.

Hall hat sich in verschiedenen Feldern (Robert Musil, Geschichte von Verlagen und Bibliotheken, Buchforschung etc. etc.) durch seine Forschungsprojekte, seine unermüdliche, beharrliche Arbeit in Archiven, seine sorgfältig recherchierten Publikationen und sein öffentliches Wirken v.a. für die österreichische Literatur bleibende Verdienste erworben, die durch eine Vielzahl von Auszeichnungen gewürdigt wurden.

Murray G. Hall verstarb nach kurzer Krankheit am 4. September 2023 in Wien.

 

Foto: Murray Hall, Prag 2014, aufgenommen von Michael Wögerbauer, CC BY-SA 4.0